R U A N D A - M E M O R Y

Eine Geschichte in neun Objekten
Ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem Societaetstheater Dresden. - Gefördert durch die Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz, und die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen..

Das Projekt:

Objekte sind Zeugen unserer Geschichte und zugleich ihre Handlungsträger; sie dokumentieren Zeit und archivieren Erinnerung.  – Anhand von neun Objekten setzt „Ruanda-Memory“ ein unvollständiges Puzzle des Völkermords in Ruanda 1994 zusammen - ein berührender und zutiefst verstörender Diskurs zu menschlicher Unmenschlichkeit und dem Scheitern internationaler Politik.

 

Der Völkermord in Ruanda begann am 6. April 1994 und dauerte bis Mitte Juli 1994 an. Er kostete ca. 800.000 bis 1.000.000 Menschen das Leben. In 100 Tagen töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit etwa 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit sowie moderate Hutu, die sich am Völkermord nicht beteiligten oder sich aktiv dagegen einsetzten. Die Täter kamen aus den Reihen der ruandischen Armee, der Präsidentengarde, der Nationalpolizei und der Verwaltung. Zudem spielten die Milizen der Impuzamugambi sowie vor allem der Interahamwe eine besonders aktive Rolle. Weite Teile der Hutu-Zivilbevölkerung beteiligten sich am Völkermord.

 

Ein Radio, eine Machete, ein Faxgerät, ein Mobiltelefon, eine Identity-Card, ein Wellblech, ein Fußball, ein Blauhelm und eine Flasche Primus-Bier. In Geschichten, in Berichten und biografischen Fragmenten werden jene Menschen sichtbar, die diese Objekte produziert, manipuliert und verwendet haben.

In Zusammenarbeit mit dem Musiker Tobias Herzz-Hallbauer lassen Cie. Freaks und Fremde "diese Dinge“ sprechen, um das "Unsagbare" auszudrücken, bei dessen Erinnerung die menschliche Stimme versagt. Dinge sind objektive Berichterstatter und zeigen Zusammenhänge; selbst im tiefsten Dunkel menschlicher Grausamkeit, wo die Ungeheuerlichkeit des Geschehens den Verstand kapitulieren lässt: Der Völkermord in Ruanda war und ist kein solitäres Phänomen; ein Genozid ist kein unbegreiflicher Schicksalsschlag, kein deux ex machina, der uns heimsucht. Völkermorde sind menschengemacht. Sie werden geplant, wachsen in sichtbaren Strukturen und folgen bekannten Prinzipien, werden gezüchtet und gepflegt und könnten verhindert werden … sofern uns „diese Dinge“ etwas angehen. Wie dünn ist das Eis? Ruanda ist nur ein Beispiel.

Das Agieren des „Westens“ hat hier eine erhebliche Rolle gespielt. Der einhellige Konsens nach dem Holocaust: „So etwas darf nie wieder geschehen!“ war jedoch Wunschdenken. Das solidarische, achtsame Miteinander hat seine Grenzen.

Was macht Menschlichkeit so zerbrechlich? 

„Ruanda-Memory“ ist ein Versuch "...diesen Leichnam chirurgisch zu öffnen, der unsere Wirklichkeit genannt wird, und einen Schnitt durch die Tiefe der Dinge zu machen, damit wir sehen, wer wir sind, was wir sind, wo wir stehen, wohin wir gehen..." (M. Krleža) 

 

Was haben wir hier eigentlich gemacht?

Das Team:

Idee, Fassung, Performance                                 Sabine Köhler, Heiki Ikkola

Komposition und Live-Sound-Design                  Tobias Herzz Hallbauer

Bühnenbild                                                               Rita Hausmann

Puppenbau                                                               Bärbel Haage

Dramaturgie                                                             Tanja Mette-Zimmermann

Licht-Design                                                              Beate Oxenfart / Josia Werth

Produktionsleitung                                                   Judith Hellmann

Fotos und Grafik-Design                                          Jean Sebastian Nass

 

Presseresonanz:

 

Livekritik zu Ruanda Memory / 27.03.2015 | Berlin / Schaubude Berlin von Juliane Wünsche

„Wie kann man einen Völkermord wie den in Ruanda auf eine Theaterbühne bringen? Wie soll man die unvorstellbaren Grausamkeiten, die dort passierten, darstellen?

1994 töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit in nur wenigen Wochen fast 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit. Die Theatergruppe Cie. Freaks und Fremde bringt in ihrem Stück „Ruanda-Memory“ neun Objekte auf die Bühne, die die Geschichte des Landes, die Monate vor dem grausamen Genozid und das Leben danach beleuchten sollen.

In den Ausweisen zum Beispiel, die die Belgier 1934 in Ruanda einführten, musste jeder angeben, zu welcher Volksgruppe er zählte – zu den Hutu oder den Tutsi. Bis dahin war die ruandische Gesellschaft durchlässig. Man konnte, etwa durch Heirat, Hutu oder Tutsi werden. Durch die Ausweise wurde die Zugehörigkeit zu einer der Gruppen manifestiert.

Oder das Primus-Bier. Ursprünglich gab es in jedem Haushalt in Ruanda einen Kanister des Bieres, das aus Bananen hergestellt wird. Es war ein Zeichen der Gastfreundschaft. Bot man jemanden Primus-Bier an, hieß das: Ich fühle mich wohl in deiner Gesellschaft. Während des Genozids tranken es die Hutu nach verrichteter „Arbeit“, nachdem sie ihre Nachbarn – Kinder, Frauen und Männer – mit Macheten abgeschlachtet hatten.

Das alles wird nicht unmittelbar auf der Bühne gezeigt. Die jeweiligen Objekte stehen im Zentrum des Bühnenbildes. Die zwei Schauspieler, Heiki Ikkola und Sabine Köhler, erzählen die Geschichte dieser Objekte sachlich und weitgehend frei von Emotionen. In Verbindung mit dem meist zurückhaltenden Spiel bleibt der Rest der Vorstellungskraft der Zuschauer überlassen. Ein Ansatz, der äußerst wirkungsvoll ist. Man erfährt nicht nur eine Menge über die ruandische Geschichte, sondern kann das Entsetzen über den Völkermord und die furchtbaren Taten nachempfinden - unbeeinflusst von Wertungen oder Gefühlen anderer.

Das Stück wirft Fragen auf. Völkermorde hat es in der Menschheitsgeschichte immer wieder gegeben. Ist Völkermord, das Abschlachten von Minderheiten oder vermeintlich minderwertiger Menschen, vielleicht „menschlich“? Wie kann so etwas immer wieder geschehen? Gibt es Parameter, anhand derer man einen Genozid voraussehen oder gar verhindern kann? Könnte ein Völkermord auch in unserer Gesellschaft, in unserem Land, wieder passieren?

Es war gut, dass es die Möglichkeit gab, mit den beiden Schauspielern und dem Musiker Tobias Herzz Hallbauer, der die Musik schrieb und live spielte, nach der Aufführung zu sprechen. Dabei bekamen die Zuschauer nicht nur Antworten auf offen gebliebene Fragen, sondern konnten ihre Gefühle und Gedanken unmittelbar loswerden und miteinander teilen.

Es ist kein leichtes Stück und keines, das man zur Unterhaltung anschaut. Es geht einem unter die Haut, denn es beleuchtet einen grausamen Teil der ruandischen Geschichte. Und es weckt Mitgefühl mit Menschen und einem Land, das den meisten von uns wohl weitgehend unbekannt ist. - Ein Stück, das unter die Haut geht.“

Sandro Zimmermann, KULTURA-EXTRA, livekritik.de: Schlachte Deinen Nachbarn!

„Ruanda-Memory“, Cie. Freaks und Fremde, Uraufführung im Societätstheater Dresden am 25. April 2014

Anfang der neunziger Jahre, in Sachsen, einem bergigen kleinen Land irgendwo in Europa. Die Schwarzhaarigen waren es endlich leid, dass die Blonden schöner, stärker und reicher schienen als sie selbst. Als einer von Ihnen eher zufällig durch einen Blonden zu Tode kam, war das Maß voll: Ein Gemetzel hob an, wie es dieses Land noch nicht erlebt hatte. Innerhalb eines Vierteljahres starben eine Million Blonde, von der Hand ihrer Freunde, Nachbarn, Familienmitglieder, wer nicht flüchten konnte, wurde niedergemacht, Kinder, Frauen, Alte. Wer blond war, musste sterben. Die im Land stationierten Truppen der vier Mächte waren ratlos, schauten zu und schauten weg, die Blonden unter ihnen verbargen ihr Haar unterm Blauhelm. Erst als kein Blond mehr auf der Straße schimmerte, nahm das Morden ein Ende.

Blödsinn? So in etwa kann man das Massaker an den Tutsi erklären, dass die Volksgruppe der Hutu zwischen April und Juli 1994 in Ruanda verübte, oder es zumindest versuchen zu erklären. Jahrhundertelang hatten die Stämme friedlich neben- und miteinander gelebt, die einen Ackerbauern, die anderen Viehzüchter. Eigentlich ein Volk, mit verschiedenen Wurzeln halt, das mehr und mehr zusammenwuchs.

Mit dem Kolonialismus kam die Ordnung und mit ihr das Meldewesen. Dank der Belgier verfügte seit 1932 jeder Ruander über einen Ausweis, der ihn einer Ethnie zuordnete. Sechzig Jahre später war dieses Stück Papier dann die Lebensversicherung. Oder das Todesurteil.

Sabine Köhler und Heiki Ikkola rekonstruieren das damals Geschehene in dieser Theaterperformance, kongenial begleitet vom Musiker Tobias Herzz Hallbauer. Dies geschieht anhand von Puzzlestücken, neun Objekte, die nichts miteinander, aber viel mit den Ereignissen vor zwanzig Jahren zu tun haben.

Der „Ausweis“ erklärt sachlich die Vorgeschichte und seine schon beschriebene Bedeutung, das „Radio“ gewinnt in Ruanda eine kaum vorstellbare Macht und ist der Einpeitscher, der die Hutu jeden Morgen zum Töten treibt. Können Völker kollektiv verrückt werden? Fast scheint es so.

Die „Machete“ ist ein landwirtschaftliches Gerät, dessen Gebrauch jedem Hutu von Kindesbeinen an vertraut ist. (Jedem Tutsi nicht?) Gleichzeitig ist es nun das Werkzeug, ein Volk zu massakrieren. Holger Zastrow sollte über seinen Machetenspruch nochmal nachdenken.

„Fußball“ spielen Tutsi und Hutu schon immer gemeinsam, nicht gegeneinander. Doch auch das ist dann schnell vorbei, der Mittelstürmer wird nun gejagt von seinen Sportfreunden, er hat den falschen Ausweis.

Zur Belohnung nach den Mühen des täglichen Massakers gibt es allabendlich „Primus-Bier“, der Massenmord findet Nine-to-Five statt. Dieses Getränk auf Bananenbasis ist eigentlich der Versöhnung gewidmet, und wenn man genug davon trinkt, ist man mit sich ja auch wieder im Reinen.

Über den „Blauhelm“ mag man gar nicht schreiben. Nicht nur Tun, auch Unterlassen ist unter Umständen eine Straftat. Vor welchen Gerichten sind die damals Kommandierenden, die Regierenden gelandet?

„Wellblech“, ein Art Ersatzwährung in Ruanda, auch eine beliebte Beute. Wie dieses minutenlang über die Bühne geschleppt wird, von einem darunter Kriechenden, gehört zu den stärksten Szenen des gut einstündigen Abends.

Ins Hier zurück führt uns der „Laptop“ des Autors. Was haben wir eigentlich damals gemacht, vor zwanzig Jahren? Ich kann mich nicht erinnern. Aber ich war sicher sehr betroffen während der Tagesschau.

Und am Bühnenrand wächst unaufhörlich die Strichliste, mit Kreide gezogen, ein einprägsames Geräusch, viermal kurz, einmal lang.

Ein starker Abend. Nicht aufdringlich gutmenschig, erzählend statt belehrend, fragend statt wissend, und in der Wahl seiner Mittel von Sprache und Bewegung über Bühne und Video bis hin zum Ton absolut stilsicher. Nicht „schön“, aber gut.

Zwanzig Jahre später, ein ziemlich großes Land am Rande von Europa, seit Jahrhunderten leben die Menschen hier miteinander, auch wenn sie verschiedene Sprachen sprechen. Doch das scheint auf einmal nicht mehr möglich. Hinterher weiß niemand, wer zuerst die Machete in der Hand hatte. - Blödsinn?“

 

Michael Bartsch, Dresdner Neueste Nachrichten: Vergessene Gräuel

"Im Societaetstheater erinnert Cie. Freaks und Fremde eindringlich an den Völkermord in Ruanda vor 20 Jahren 

Das Jahr 1994 war scheinbar kein großes in der Weltgeschichte. Jedenfalls aus unserer Sicht. Wem fiele schon auf Anhieb etwas Erinnerungswertes ein? In diesen Apriltagen begann vor 20 Jahren "nur" ein Völkermord an den Tutsi im afrikanischen Ruanda, dem in drei Monaten bis zu einer Million Menschen zum Opfer fielen. Die so genannte "Staatengemeinschaft", ein eher peinliches Abstraktum, wie sich gegenwärtig auch wieder zeigt, quittierte die Massaker hilflos. Blauhelme der UN retteten nur noch ihre eigene Haut.

Auf eindringlichste Weise, fernab jeder vordergründigen Agitation, ruft dieses Grauen nun ein "Ruanda Memory" im Societaetstheater in Erinnerung. Heiki Ikkola, in Dresden und darüber hinaus einer der kreativsten Köpfe der freien Szene, und seine Partnerin Sabine Köhler nehmen die Zuschauer anhand von neun Objekten auf zwingende Weise in das Geschehen hinein. Tobias Herzz Hallbauer hat dafür die Sound- und O-Ton-Collagen gebaut, spricht Radiotexte ein und greift zur E-Gitarre.

Nur in einer Art Prolog erfährt man ganz grob noch einmal etwas über die Vorgeschichte und das Ausmaß der damaligen Verbrechen. "Gott hat uns verlassen", heißt es in den Originaltönen. Zwischen den Szenen wächst eine symbolische Strichliste der Opfer. Heiki Ikkola hat aus der Fülle des inzwischen dokumentierten Materials und der verwirrenden Kämpfe um Macht und wirtschaftliche Ausbeutung den wesentlichen Aspekt herausgearbeitet, dass Hutu und Tutsi bis zur Kolonialisierung friedlich zusammenlebten. Zwar genossen die Tutsi als Viehzüchter eher einen privilegierten Ruf gegenüber den Acker bauenden Hutu. Wirkliche Zwietracht zwischen ihnen säten aber erst die aus Europa herüberschwappenden Rassentheorien. Die Ausgabe der Personalausweise mit dem Eintrag der Stammeszugehörigkeit durch die belgischen Kolonisatoren in den dreißiger Jahren des 20.Jahrhunderts zeitigte verheerende Spätfolgen.

Solche Ausweiskarten, an das Publikum verteilt, bilden denn auch den ersten thematischen Gegenstand dieser Performance. Sie will illustrieren, nahe bringen, muss auf Erklärungen der komplexen Entwicklungen verzichten. Erwähnenswert scheint aber die Tatsache, dass Ruanda zu den am intensivsten missionierten afrikanischen Ländern gehörte und sich zwei Drittel der Bevölkerung zum Katholizismus bekennen.

Was sie nicht hinderte, einander wie Vieh abzuschlachten. Die Berichte der Dresdner Performance lassen schon den Appetit auf den Premierensekt vergehen, aber die tatsächlichen Gräuel übertrafen jedes Vorstellungsvermögen. Angestachelt wurden die Hutu unter anderem durch den Hetzsender RTLM, und dem Radio ist auch die zweite Rubrik gewidmet. Am Ende schneidet Ikkola schließlich wütend die aufgehängten plärrenden Kofferradios mit einer Machete ab. Zelebriert wird die Machete, alltägliches Ernte- und Arbeitsgerät, mit dem aber auch mehr als ein Drittel der Massaker verübt wurden. Der Fussball aus dem Knast spielt eine Rolle, eindringlicher noch das Primus-Bier, das die Mörder nach getaner "Arbeit" in Massen genossen. Die beiden Akteure steigern sich hier zu einem makabren Rausch im Slapstick-Stil.

Ein originaler UN-Blauhelm ist im Spiel. Seine Träger vermochten ebenso wenig gegen die Gräuel auszurichten wie die vergeblichen Botschaften von einem alten Fax-Gerät. Vorletztes Objekt ist eine Wellblechtafel, wichtiges Tauschmittel, da von den Einwohner nicht selber herzustellen. Brauchbar als Dach, Zaun, Hauswand oder - Sarg.

Mit dem Laptop schließlich schlägt Ikkola die Brücke in die Gegenwart, in unsere vermeintliche europäische Unerschütterlichkeit. Sind wir auf immer vor solchen Rückfällen ins Animalische gefeit? Wobei man Tieren Unrecht täte, denn mit solcher Lust und Perfektion töten nur Menschen. Nein, gerade das perfekte Räderwerk, der korrekte Maßnahmevollzug sei eine Voraussetzung für den Massenmord, heißt es. Man denkt an das "Bruder-Eichmann"-Syndrom in uns allen.

Es dauerte lange, bis nach einem erschütternden Abend Beifall aufkam, noch länger, ehe er wieder verebbte.“

 

Vorstellungen bisher:

Societaetstheater Dresden, Schaubude Berlin, Theater-Festival Neuland Halle/Saale, Staatstheater Mainz.