26-20170518AW010.jpg

DER BAU von Franz Kafka

 Ein Theaterthriller für zwei Schauspieler, eine Puppe und einen Sounddesigner.

Das Projekt:

Zeitlos schrecklich und tief sind die Ängste Franz Kafkas. Die Gedanken von Kafkas Baubewohner offenbaren ein von Vorurteilen geprägtes manisches Sicherheitsbedürfnis, das dieser Tage wieder durch die Köpfe und Diskurse geistert und unmenschliche Konsequenzen hat.

Der Baubewohner weiß, was richtig und falsch ist. Mit seiner Stirn hat er sich ein Paradies in den Waldboden gegraben und lebt dort in sicherer Entfernung zur Gesellschaft.

„Dein Haus ist geschützt, in sich abgeschlossen. Du lebst in Frieden, warm, gut genährt, Herr, alleiniger Herr über eine Vielzahl von Gängen und Plätzen, und alles dieses willst du hoffentlich nicht opfern, aber doch gewissermaßen preisgeben …“

Ausbesserungsarbeiten und genüssliches Flanieren durch die Vertrautheit seiner Gänge und Plätze bestimmen sein Dasein. In der Ruhe seines Baus kann er aufatmen, kann in wohligen Schlaf sinken auf seinen angesammelten Vorräten. Er ist stolzer Herrscher des selbsterschaffenen Reichs, Erbsenzähler und Medium flirrender Angst in allen Schattierungen. So sehr er sie ignorieren will – es gibt sie doch, die Welt dort draußen. Sie werden kommen. Sie wollen ihn, sie wollen teilhaben an seinem Wohlstand, ihn vernichten ...

Doch wer ist „er“ und wer sind „sie“? – Ein Theaterabend über Isolation, Angst, Einsamkeit; über die Schwierigkeiten, heimisch zu sein; wenn man den Anderen misstraut und Kontrolle das Wichtigste zu sein scheint.

 

 

 
 

Das Team:

Idee, Ausstattung, Performance - Sabine Köhler, Heiki Ikkola

Live-Musik - Daniel Williams

Licht - Josia Werth

Fotos - André Wirsig

Presseresonanz:

Pas de trois im Untergrund.

Die Cie. Freaks und Fremde lud ins Societaetstheater zu Kafkas "Der Bau"
von Torsten Klaus / Dresdner Neueste Nachrichten:

"Es ist eins der Werke, an denen Franz Kafka bis zu seinem frühen Tod 1924 gearbeitet haben muss. Als Indiz dafür gilt ein Bruch am Ende, ein offen gebliebener Satz, den Kafkas Freund Max Brod ausformulierte. Danach brachte Brod "Der Bau" wie zahlreiche andere Kafka-Texte publikationsmäßig unters Volk, trotz einer klaren gegenteiligen Verfügung Kafkas. Auch an der Bewertung dieses Verhaltens, ähnlich der vieler Kafka-Texte, arbeiten sich Literaturwissenschaftler seit Generationen ab.

Dem fragmentarischen "Bau" hat sich nun auch Dresdens Compagnie Freaks und Fremde gewidmet, ihn als Teil ihrer aktuellen zweiten Freakstadt im Societaetstheater zur Premiere gebracht. Es ist der Monolog eines Tieres, das sich einen weitläufigen Unterschlupf gegraben hat und sich um dessen Beschaffenheit und damit um die eigene Sicherheit in ständiger Sorge befindet. Auf die Bühne kommt alles ohne Zeitgeisteleien, was bei Kafka auch nicht Not tut. Er hat in seinen Texten schließlich unvergleichliche Räume geschaffen, denen sich das Attribut metaphorisch wie von allein zugesellt.

Freaks und Fremde in Gestalt von Sabine Köhler und Heiki Ikkola werden nicht nur zu diesem namenlosen Tierwesen, indem sie sich den Text immer wieder zuspielen, ihn überlappen lassen, ihn auch mal gleichzeitig sprechen. Sie machen das Ganze darüber hinaus zu einem Pas de trois - mit einer menschlichen Puppe, die beide oft parallel führen. Auf sie ist das Auge des Zuschauers gerichtet, sie avanciert zum Star des Abends. Und was bei Kafka Tier war, wir hier über die Puppe zum Menschen.

All das spielt - fast zwangsläufig, möchte man meinen - im Keller des Theaters. Der Weg hinab als der passende Prolog einer Hinführung zum Bau. Selbst wenn der in diesem Fall weniger Klaustrophobisches an sich hat, eher ein Ort merkwürdiger Heimeligkeit ist.

Schon früh gelingt, durch geschickte Lichtprojektion, Erde von der Decke dieses Baus zu rieseln. Auch hier, am Ort trügerischer Sicherheit, ist nichts ewig. Mit dieser Botschaft muss dieses Mensch gewordene Tier leben. Nicht einmal seine andauernde Arbeit in den unterirdischen Gängen, an den Wänden und Schlafplätzen, kann den Verfall aufhalten.

Dieser Verfall spiegelt sich im Zweifel dieses eigenartigen Bau-Bewohners. Anfangs noch darüber, ob der Eingang zur Höhle gut genug getarnt ist. Wer so fragt, hat den möglichen Angriff eines diffusen Gegners vor Augen. Das gilt ebenso bei der Frage, ob ein zentral angelegter unterirdischer Vorratsplatz besser sei als viele dezentrale. Solche Pläne wälzt das Wesen, macht sich ständig Gedanken, springt zwischen Freude am eigenen Werk und Verzweiflung darüber, es an wen auch immer verlieren zu können. Manchmal geht es soweit, einen Gegner herbeizuwünschen, ihn zu attackieren, "damit ich endlich einem Rasen hinter ihm her, frei von allen Bedenken, ihn anspringen könnte, ihn zerbeißen, zerreißen, zerfleischen und austrinken und seinen Kadaver gleich zur anderen Beute stopfen könnte."

Zu Beginn sitzen Köhler und Ikkola unter Neonröhren, am Ende werden sie in diese Position zurückkehren. Im Vordergrund zwei längliche Podeste, mi deren Hilfe sich alles zeigen lässt, was diesen Bau so besonders macht. Links und rechts begrenzen dunkle, leicht zur Bühne hin geneigte Wände das Geschehen, sie werden auch zur Projektionsfläche für Schattenspiele, womit der Höhlencharakter des Ortes untermauert wird.

Köhler und Ikkola sind verflochten mit der von ihnen geführten Puppe, aber auch im Spiel miteinander. So entsteht tatsächlich ein Sog in diese erdenschwere Paranoia hinein, die durch Kafkas Text entworfen wurde. Die Musik (Komposition und Live-Sound-Design: Daniel Williams) spielt dabei eine tragende Rolle, bis hin zur akustischen Verzerrung. Sie ist ständig essentieller Teil der Szene.

Bei Erscheinen des Kafka-Textes 1928 war eine naheliegende Interpretation die des einschneidenden Weltkriegs, der später der Erste genannt werden sollte. Heute liegen die Lesarten anderswo, in einem mehr und mehr ausgeübten Ausgrenzen der Welt. Wer ständig nur den Monolog übt, dreht durch. So auch Kafkas Wesen, das sich am Ende immer mehr der Furcht vor einem nicht näher bestimmbaren Zischen hingibt, dessen Quelle einfach nicht auszumachen ist.

Dieser Bau ist kein zu Ende gegrabenes Heim, er ist vielmehr ein Käfig der Ängste. Das Wesen, das sich darin wohlig eingerichtet hat und wohl fühlt, schließt sich selbst ein und damit selbst aus von der Welt. Der Verlust dieser Behausung, selbst wenn sie die Form eines unterirdischen Labyrinths hat, wiegt ihm schwerer als die Neigung, den Ort mit jemandem zu teilen. Diese Tragik dauert an."

Von Johanna Lemke / Sächsische Zeitung:

Es handelt es sich um eine dichte Inszenierung mit Ikkola, Köhler und einer Puppe. Diese ist mal stummer Beobachter der Szene, mal wird sie von den Spielern bewegt. Dann ist sie die zwanghafte Figur in Kafkas unvollendeter Erzählung, die mit der Stirn eine Höhle, den "Bau", in die Erde geschlagen hat, "eine Vielzahl von Gängen und Plätzen". Gut versteckt vor dem Außen - denn "kann ich denn, trotz aller Wachsamkeit, nicht von ganz unerwarteter Seite angegriffen werden"?

Konzentriert und mit sparsamen Mitteln gestalten die Spieler diesen düsteren Text. ... Sie schaffen einen Abend, der sich ganz dem Text verschreibt und diesen mit starken Bildern ergänzt. Die ganze Zeit über rieselt ein Sandstrahl von der Decke, im Schlummerlicht dramatisch beleuchtet. Nebel befeuchtet die Luft, so ist für die Zuschauer das Gefühl modriger Düsternis ganz körperlich spürbar.

Natürlich handelt dieser Text von jemandem, der sich vor Angst abschottet, und natürlich hätte man das ganz wunderbar auf das Heimat-Thema herunterinszenieren können. Doch gerade weil Ikkola und Köhler in keinem Moment irgendwo moralisch herumfuchteln, wirkt der Abend so drastisch, dass man sich keine der 90 Minuten langweilt."

Verstörende Gedankenwelt.

Kafkas Erzählung wird zum alptraumhaften Ritt durch menschliche Ängste.

Von Jessica Hölzl / Fidena-Portal für Figurentheater und Puppenspielkunst:

 „Kalte Neonröhren beleuchten das Geschehen, Bass wummert zwischen grauen Wänden. Eine halbgroße Gliederpuppe kauert auf einem Holzsteg. Vom Publikum abgewandt sitzen zwei grau kostümierte Spieler*innen auf quadratischen Hockern neben einer verschlissenen Holztür, erheben wispernd ihre Stimmen und die Erzählung beginnt.

Bereits in frühen Jahren hat der Eremit diesen "Bau" erschaffen, eine Art unterirdisches Höhlenlabyrinth, in dem er Seelenfrieden zu finden hofft. In dieser menschenfeindlichen Umgebung ein friedvolles Heim zu suchen, scheint auf den ersten Blick der Gipfel an Absurdität. In warmes Licht getauchte Szenen zeichnen den Zuschauenden dagegen die ursprüngliche Utopie des Verzweifelten klar und deutlich vor Augen – und für Momente wird seine Sehnsucht zutiefst verständlich: Allein, ungestört und zufrieden, in absoluter Isolation vollkommene Ruhe finden.

Doch das Glück bleibt verwehrt. Phantasierte Bedrohungen stören das unterirdische Idyll. Zu viele Gefahren sind denkbar, die den ersehnten Frieden verhindern. Zur größten Sorge um mögliche Eindringlinge gesellen sich weitere Gründe zur Beunruhigung: Was, wenn der Sauerstoff in den Gängen knapp wird? Oder wenn die angesammelten Fleischvorräte ihren Sammler irgendwann erdrücken? Und woher stammen diese seltsamen Geräusche...?

Die wahnhaft sorgenvolle Raserei der beweglichen Stabpuppe durch ihr Erdreich hat etwas Animalisches. Während der Kopf an einen Stab unter einem Eingriff am Rücken geführt wird, lässt sich das Becken über einen schwanzähnlichen Griff am Steiß steuern. Übergroße papierene Hände und Füße erinnern an die Grabschaufeln eines Maulwurfs. Die hohe Stirn des Grüblers überragt ein kahler Kopf, aus dem durchdringend blaue Augen hervorsehen. Sein Körper erinnert an ein insektenhaftes Wirbeltier. Brust und Glieder sind mit Stoff bespannt, die Rippen bilden isolierte Ringe, die mit jedem Atemzug erbeben.

Sabine Köhler und Heiki Ikkola von der Cie. Freaks und Fremde, die für Idee, Ausstattung und Performance verantwortlich sind, führen in ihrem virtuosen Spiel zu Franz Kafkas Erzählung "Der Bau" durch das (Gedanken-)Labyrinth des Protagonisten. Im wilden Wechsel von Stimmen, Musik und Klängen streiten, vermuten und widersprechen sie, bestärken, umschlingen und bedrohen sich gegenseitig. Gemeinsam steuern sie die Gänge der Puppe durch das Tunnelsystem, um im nächsten Moment selbst als Spielende den inneren Zwist der Figur in dialogischem Widerstreit auszutragen, während die Puppe als stiller Beobachter auf einem Podest an der hinteren Bühnenwand sitzt.

Die starke Körperlichkeit der Gliederpuppe wird durch Physis und Mimik der Spieler*innen verstärkt. Mit verzerrtem Gesicht und weit aufgerissenen Augen führt die Spielerin die Puppe in wahnhafter Raserei über die die Bühne, deren Kopf ein hospitalisierendes Kind erinnernd gegen die Wände des Baus schlägt und dabei dem Rhythmus der brutalen Fußschläge des zweiten Spielers folgt. Abwechselnd werden mal Puppe, mal Spieler*innen fokussiert, sodass die drei Körper zu einer Präsentationsfläche verschmelzen, auf der die inneren Konflikte der Gedankenwelt eines einzigen Gehirns umgesetzt werden.

Zwanghaft verbringt der Einsiedler seine Tage mit Bewachung und Optimierung seiner Höhle, unablässig getrieben von immer neuen Imaginationen der Gefahr. Die Natur, zunächst sehnsuchtsvolle Projektionsfläche, wird allmählich selbst zur Bedrohung. Alle Extra-Schlupfwinkel des Baus, Burgplatz wie der Fleck unter dem Moos, erweisen sich als gefährdet. Gleich welcher Existenzform sich der Fliehende anzuverwandeln sucht – weder Tierdasein noch Naturverschmelzung erlauben ihm, dem menschlichen Makel der Sorge zu entfliehen, denn "die Einbildungskraft will nicht stillstehen!"

Vorstellungen bisher:

Societaetstheater Dresden, Festival kammermachen Chemnitz, Schaubude Berlin, Theaterhaus Hildesheim, Theaterland Steiermark, Theater im Kornhaus Baden.

12-20170518AW063
42-20170518AW027
32-20170518AW005
15-20170518AW039
29-20170518AW004
20170426AW156L
1-20170426AW001
20170426AW109L
Der Bau 2
20140070_1512437172153033_7558918604700649259_n
Logo1_ohne_fisch.png