DSC02616.jpg

S O N G S   F O R   B U L G A K O W

Eine Hommage an Michail Bulgakow. Ein Rausch.
Eine Koproduktion mit der JuWie Dance Company und Vladimir Vaclavek.
Unterstützt und gefördert durch das Societaetstheater Dresden, den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, die Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz und die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen..

Das Projekt:

Eine Hommage an den großen russischen Autor und eine gebrochene Lanze für die Kunst in schwierigen Zeiten. Eine Performance zwischen Poesie und Realität über das Verhältnis von Künstler, Staat, Macht und Zensur.

Was für ein atemloses Leben! Cie. Freaks und Fremde zeichnet dieses Leben als Songbook mit Physischem Theater, Puppenspiel, Tanz und Musik nach.

 

Michail Bulgakow war Spötter, Individualist und Romancier mit überbordender, sinnlicher Phantasie und einem tiefen Glauben. Drei Ehen, ein Medizinstudium, Krankheiten und Morphiumsucht hat er in seinen 49 Lebensjahren untergebracht, zahllose Ortswechsel, einen Weltkrieg, die Oktoberrevolution und die Wirren des Bürgerkriegs.

Er schrieb immer dicht am Geschehen. Und er bediente sich der literarischen Zeitmaschine, schrieb einen Roman über seinen „Ahnen“ Moliére und das darauf basierende Stück „Die Kabale der Scheinheiligen“ - zensiert 1931, erstmals in Moskau aufgeführt 1936. Parallelen und Spiegelbilder: Bulgakow als Molière? Stalin als Ludwig XIV.?

Der Roman "Der Meister und Margarita" erlangte Kultstatus und inspirierte Mick Jagger zu dem Song "Sympathy For The Devil".

Wir holen Bulgakows Texte und Bilder mit seinen doppelsinnigen historischen und politischen Referenzen in die Gegenwart des Alles-ist-erlaubt der liberalen Gesellschaft.  Wer ist nun wer?  Fünf kopflose Gestalten (Puppenspieler, Schauspieler, Tänzer) stolpern durch die Geschichte, durch die russische Provinz, nach Moskau, Paris, Jerschalaim. – Es treten auf: der Dichter selbst, der Meister und Margarita, Stalin, etliche Gestalten aus Büchern, Träumen und verschobenen Gedanken, eine stumme Kapelle ... und der Leibhaftige gibt sich persönlich die Ehre …  Pleased to meet you / Hope you guess my name ... 

“Auf dem weiten Feld der Literatur war ich in der UdSSR der einzige literarische Wolf. Man gab mir den Rat, mir den Pelz zu färben. Ein törichter Rat. – Ob gefärbt oder geschoren – ein Wolf wird nie wie ein Pudel aussehen.“ (Bulgakow)                         

Was vermag die Kunst heute und wie weit sind wir bereit zu gehen?

Das Team:

Idee, Ausstattung, Performance        Sabine Köhler, Heiki Ikkola

Tanz, Choreografie                            Jule Oeft, Wiebke Bickhardt, Yamile Navarro

Komposition und Live-Musik           Frieder Zimmermann, Vladimir Vaclavek

Lichtdesign                                         Josia Werth

Produktionsleitung                            Judith Hellmann

Fotos, Grafikdesign                            Jean Sebastian Nass

Presseresonanz:

Musik für den Meister 

"Songs for Bulgakow" nähert sich als eine Art Musikalbum dem posthum erfolgreichen russischen Autor. Auf der Bühne stehen zwei schwarze Quader. Alles, was in den nächsten 80 Minuten geschieht, entspinnt sich scheinbar nur aus ihnen und verschwindet auch wieder darin. Es sind kurze, lustige, absurde, kunstvolle oder dramatische Szenen, die Michail Bulgakow bestimmt gefallen hätten, weil sie mit allen Mitteln versuchen zu zeigen, was Leben sein kann, auch wenn die Umstände nicht die besten sind. Bulgakow war ukrainisch-russischer Arzt und Schriftsteller, dreimal verheiratet, ständig knapp bei Kasse und wohl ganz gern in seinem eigenen Medizinschrank unterwegs. Sein satirischfantastisches Hauptwerk "Der Meister und Margarita" wurde erst 26 Jahre nach seinem Tod und stark zensiert veröffentlicht. Bulgakow wurde 1891 im Kiew des Russischen Kaiserreichs geboren und starb 1940 im sowjetischen Moskau. Heute klingen schon diese Fakten nach Satire. Dieser spannenden wie dramatischen Person versucht sich die Compagnie Freaks & Fremde, gemeinsam mit der Juwie Dance Company, dem tschechischen Gastmusiker Vladimir Vaclavek und dem Dresdner Musiker Frieder Zimmermann in 12 "Liedern" zu nähern. Das Ergebnis nennen sie "Songs for Bulgakow". Es geht um viel. Um Liebe und Gemeinschaft, um Ausweglosigkeit und Unterwerfung. So wie einst Molière vom Sonnenkönig Ludwig XIV. das Recht zum Schreiben erhält, ist Michail Bulgakow vom Wohlwollen Stalins abhängig. Auf der Bühne wird die sich windende Molière-Puppe zum Sonnenkönig und fällt kurz darauf zurück in sich selbst. Es geht um den Kampf von Fortschritt und Tradition, um den Zwiespalt zwischen dem, wofür man Geld bekommt, und dem, wofür man lebt. Es geht um Schönheit, Freiheit, Menschlichkeit.  Das Spektakel - und als solches muss diese Mischung aus Slapstick, Tanz, Figurentheater und Spiel wohl gelten - beginnt mit einem aus dem Off gesprochenen Monolog von Heiki Ikkola. Es sind Worte von Wladimir Kaminer, der anlässlich des 70. Todestages von Bulgakow einen Vergleich mit ihm und den Honigbienen anstellt. "Ich glaube, dass unsere menschliche Zivilisation ähnlich wie die der Bienen organisiert ist, dass auch hier etwas gesammelt und regelmäßig abgepumpt wird." Der menschliche Honig, unser Lebenswerk, das seien unsere Geschichten. Vermutlich gibt es noch weitere Momente, die nicht direkt auf den Schriftsteller oder

"Meister und Margarita" zurückzuführen sind. Der offensichtlichste ist der Song "Sympathy for the Devil", den hier nicht Mick Jagger, sondern der Teufel singt. Also, mit ein bisschen Vorstellungskraft. In Wirklichkeit röhrt ihn Sabine Köhler ins Mikro, Ikkola mit der Hand in der kleinen Teufelspuppe und die drei Tänzerinnen Jule Oeft, Wiebke Bickhardt und Yamile Anaid Navarro Luna als Background-Sängerinnen.  Zu diesem Zeitpunkt hat man längst aufgegeben, nach dem roten Faden zu suchen, der die einzelnen Episoden zu einer Geschichte zusammenbindet. Jedes Mal, wenn sich eine neue Episode aus den schwarzen Quadern entwickelt, hat sie eine andere Stimmung, wird anders von den beiden Musikern am Rand begleitet. Zimmermanns Repertoire wechselt hauptsächlich zwischen E-Gitarre und elektronischem Geknister, er nimmt aber auch mal Geige oder Melodica zur Hand. Vaclavek spielt Gitarre und singt manchmal melancholische, tschechische Lieder.  "Songs for Bulgakow" erinnert tatsächlich mehr an ein Musikalbum, wo zwischen den einzelnen Liedern vor allem Spannung und Abwechslung herrschen soll. So betrachtet, befreit es von der Anstrengung, alle Szenen irgendwo einordnen zu müssen, und legt den Fokus wieder auf die Fantasie. Denn vielleicht stehen hier auch Bulgakow-Kenner ab und zu im Dunkeln. Vielleicht ist es alles nur "a little piece of your imagination", wie es im Stück heißt, alles nur ein Stück Einbildung.  Dass das Stück in einer sehr großen, unfertigen Halle im Industriegelände

Premiere hat, die man herausgeputzt hat, passt zur aufgesetzten Schönheit einer Gesellschaft, in der die Oberfläche mehr zählt als die Substanz. In einer der stärksten Szenen wird eine riesige rote Fahne über den Versuch des Fortschritts geschwenkt, ein Fortschritt, der vor allem auf Stahl und Rüstungsmacht setzt, der brachial und düster daherkommt.  "Songs for Bulgakow" bleibt als Rausch in Erinnerung, ein Rausch aus Farben, Tönen und russischem Wodka.

Juliane Hanka

Dresdner Neueste Nachrichten 03.03.2015

"Hemmungslose Sympathie für den Teufel - Von Andreas Herrmann / Man kann sich für die künstlerische Leitung eines solchen Projektes weit und breit keine Verwegeneren vorstellen als die federführende Cie. Freaks und Fremde, die sich seit neun Jahren internationalen Kooperationen und heiklen Themen widmet und nun die drei Damen der JuWie Dance Company sowie Frieder Zimmermann und Vladimir Vaclavek an diversen Instrumenten dazu holten. / Ikkola, allein unter vier Grazien in einer Show, die von den ausgelösten Assoziationen und Emotionen lebt, zitiert den Meister direkt: „Auf dem weiten Feld der Literatur war ich in der UdSSR der einzige literarische Wolf. Man gab mir den Rat, mir den Pelz zu färben. Ein törichter Rat. Ob gefärbt oder geschoren – ein Wolf wird nie wie ein Pudel aussehen.“ Und einsam sterben, wenn das Rudel abfällt." (Dresdner Kulturmagazin, April 2015)

Vorstellungen bisher:

LAB 15 Dresden, Societaetstheater Dresden, Theater Alte Reithalle Aarau/Schweiz, Festival Scheune Schaubuden Sommer Dresden, Divadlo 29 Pardubice (CZ), Divadlo Varnsdorf (CZ)

Logo1_ohne_fisch.png