Eugen Ruge im Gespräch


Am 07.Oktober 2022 wird unsere Inszenierung METROPOL nach dem gleichnamigen Roman von Eugen Ruge Premiere haben, gespielt wird im Festsaal der ehemaligen Stasi-Zentrale Dresden (Gedenkstätte Bautzner Strasse), wo das NKWD in den 1950er einen Haftkeller betrieben hat.

Am 08.Oktober wird der Autor unsere Vorstellung besuchen, und nicht nur das: Er wird als Teil der Aufführung den Prolog und den Epilog aus seinem Roman lesen.


Im Vorfeld der Premiere haben wir ihm einige Fragen gestellt, die Antworten waren äußerst inspirierend.


Was bedeutet Ihnen Ihr Roman „Metropol“ persönlich und was glauben Sie, kann er uns in unseren Tagen mitgeben?

Ich weiß natürlich nicht, was die Leser aus meinem Buch mitnehmen, das bleibt jedem selbst überlassen. Aber ich kann sagen, warum ich das Buch geschrieben habe, warum ich es überhaupt schreiben konnte, obgleich ja über den Stalinismus alles Wesentliche bekannt ist. Ich hatte vor, am Beispiel des stalinistischen Irrsinns zu erzählen, was für eine unheimliche Begabung die Menschen darin haben, sich ihre eigene Wahrheit zurechtzumachen. Und dabei geht es nicht oder nicht nur die Dummen und Bösen, die Anderen. Die Hauptperson ist meine Großmutter, eine durchaus kluge Frau. Vielleicht war sie ein bisschen eitel, ein bisschen durchgedreht, aber keine Verbrecherin, kein Mensch mit bösen Absichten, sondern im Gegenteil. Sie wollte – ganz im Ernst! – die Welt verbessern. Auch die härteste Kommunistin im Buch, die Lettin Hilde Tal, kann man nicht einfach abtun. Trotzdem verfallen sie alle dem Wahn. Das hat mich interessiert: Wie werden aus hellen, gutherzigen, mutigen Menschen ideologisch Verblendete? Wie wird man verrückt, ohne es selbst zu merken?


Es ist leicht, jemanden als dumm, böse oder verrückt anzutun. Eine bessere, nützlichere Arbeitshypothese ist, mal anzunehmen, dass die Anderen Gründe, Motive, Interessen oder Ängste haben, die man verstehen kann. Es ist ausgerechnet ein Kommunist, der im Buch darauf hinweist, dass die einschlägige Bibelstelle von der Nächstenliebe auf eine schwache Übersetzung zurückgeht. In Wirklichkeit heißt es wohl im Original: Liebe deinen Nächsten, er ist wie du. Wir sind alle anfällig für ideologische Konstrukte. Aber am anfälligsten für Ideologien sind vermutlich gerade die, die es immer ganz genau wissen. Wenn mein Buch, anstatt Bestätigung Nachdenken auslösen würde, wäre ich froh. Aber letzten Endes schreibe ich keine Meinungen vor, sondern erzähle Geschichten.


Welcher Art Widerhall, Echo oder Spuren aus der Zeit des Stalinismus sind Sie möglicherweise im heutigen Russland begegnet?

Was in Russland zur Zeit stattfindet, ist traurig, und man weiß nicht, wie es enden wird. Russland hat sich sozusagen für den „chinesischen Weg“ der Transformation entschieden, es wird zweifellos noch repressiver, undemokratischer, reaktionärer werden. Wobei ich mich schon frage, inwiefern auch wir, der Westen, daran beteiligt waren, Russland auf diesen Weg zu bringen.


Sie fragen nach Spuren des Stalinismus – die gibt es natürlich. Angefangen mit den Opfern, die die Familien ja noch erinnern, bis zur orthodoxen Stalinverehrung bei einem Teil der Bevölkerung. Die demokratischen Traditionen in Russland waren seit jeher schwach entwickelt, die Bolschewiki haben den Ansatz dazu erstickt und stattdessen die Bürokratie des Zarenreiches übernommen und zu einem Monster ausgebaut. Das verschwindet nicht über Nacht.


Mit Stalinismusvergleichen sollte man dennoch vorsichtig umgehen. Ich glaube, ich weiß ungefähr, wovon ich rede. Ich bin buchstäblich in der Verwaltungshauptstadt eines Gulags geboren. Mein Vater ist im Lager fast verhungert. Und, ja, ich habe mich ein wenig mit dem Stalinismus beschäftigt. Man muss sich nur mal die Dimensionen vor Augen führen. Nur ein Beispiel: Während der Terrorjahre haben sich hunderte Schnellgerichte, sogenannte Troikas, darin überboten, die Menschen zum Tode zu verurteilen, und zwar zumeist Menschen, die nicht einmal gegen das Regime waren! Manche Troikas brachten es auf 400 Todesurteile am Tag. Einiges über das Grauen des Stalinismus lässt sich ja auch in Metropol nachlesen.


Ich glaube, dass der Westen nie verstanden und nie gewürdigt hat, welchen weiten, schweren Weg Russland vom Stalinismus bis zur Gegenwart zurückgelegt hat. Selbst ein Vladimir Putin war ja zunächst auf einem ganz anderen Kurs, man erinnere sich nur an seine Rede im Bundestag. Natürlich kann man argumentieren, er habe sich bloß verstellt und sei in Wirklichkeit schon immer ein heimlicher Stalin gewesen. Wer will das Gegenteil beweisen? Das ist eine Glaubensfrage. Mein Buch erzählt vom absoluten Terror, von einer unglaublich schrecklichen Zeit, von nie dagewesener massenhafter Verblendung und Paranoia, die Millionen Unschuldiger das Leben gekostet hat. Wie gesagt, jeder kann es lesen, wie er will. Aber bin schon irritiert darüber, dass es Leute gibt, die nach dem Lesen zu dem Schluss kommen: Na bitte, so war Russland schon immer!


Natürlich haben wir auch das von Ihnen herausgegebene Buch Ihres Vaters „Gelobtes Land“ gelesen. Wie haben Sie mit Ihrem Vater über diese Zeit reden können, welche Folgerungen für Ihr eigenes Leben haben Sie aus dem gezogen, was Ihr Vater erlebt hat?

Mein Vater hat – im Gegensatz zu sehr vielen anderen – früh mit mir über seine Erfahrungen im Stalinismus gesprochen. Ich wusste schon als Kind, dass Stalin ein Massenmörder war. In der Schule konnte ich aber nicht über mein Wissen sprechen. Dort wurde die Sowjetunion als großartiges Vorbild dargestellt. So habe ich tatsächlich von frühester Jugend an die Inszenierung der Ideologie erlebt. Ich wusste von frühester Jugend an, dass im Bruderland ungeheuerliche Verbrechen stattgefunden hatten, die man einfach unter den Tisch kehrte. Das hatte zur Folge, dass ich mich nicht beteiligen konnte – in gewisser Weise nicht einmal an der Kritik. Ich erinnere mich, um ein Beispiel zu nennen, an die Begeisterung meiner Bekannten über ein Duo wie Wenzel & Mensching, kluge, witzige Leute, die durchaus die DDR kritisierten. Ich habe die Leute ja fast beneidet um ihr Engagement. Für mich aber war das die falsche Ebene. Ja, ich habe auch ein bisschen zu schreiben versucht. Ich habe bei der Armee sogar in einem Singeklub mitgesungen, aber nur um mich dem Dienst ein wenig zu entziehen – ohne jede Überzeugung. Meine Kritik war in der DDR unaussprechlich. Die Geschichte meiner Familie war nicht erzählbar. Ich blieb stumm, ich war misstrauisch, ich blieb distanziert. Das hat mich geprägt, vielleicht nicht zu meinem Besten.

Andererseits habe ich, glaube ich, einen gewissen Blick bewahrt für das Theater der Ideologie. Im Westen glauben ja viele Menschen, sie seien frei davon. Aber wir alle leben in bestimmten Zusammenhängen, kommen aus bestimmten Verhältnissen, haben bestimmte Interessen, sind in bestimmten Communities zu Hause, hängen von Beziehungen zu verschiedenen Menschen ab, beziehen unsere Informationen aus bestimmten Quellen usw. Ich glaube, dass man dem, was ich Ideologie nenne, nie entgeht – und ich schließe mich selbst ein. Die einzige Lösung dieses immerwährenden Problems besteht darin, dass man einander trotz aller Gegensätze zuhört, dass man trotz allem versucht, den Standpunkt des anderen zu begreifen, dass man mit dem Anderen redet, im Kleinen wie im Großen. Schreiben – oder auch Schauspiel – ist ein gutes Training.dafür. Aber auch Zuschauen und Lesen.


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